12. Ich bin dann mal weg

Im Dezember gab es Momente, in denen ich mich fragte, ob die Entscheidung, für immer ans Ende der Welt auszuwandern, die Richtige war. Nach außen symbolisierte ich jedoch wie gewohnt Entschlossenheit, um niemandem die Hoffnung zu machen, mich zum Bleiben überreden zu können.

Auch wenn der Großteil meines Umfelds sich für mich über die Greencard freute, gab es auch viele Freunde und Familienmitglieder, die ihre Emotionen weniger im Griff hatten. Ihre Überredungsstrategien sahen wie folgt aus:

1. Die Psychologin: 
Persona: Glücklich liierte beste Freundin.
Diagnose: Auswandern als Ausdruck von Rastlosigkeit und damit einhergehender Bindungsunfähigkeit.
Therapie: Emotionaler Appell (Ich find`s so schade, wenn Du so weit wegziehst. Dann sehen wir uns ja gar nicht mehr.), nostalgischer Appell (Weißt Du noch an Silvester 19…), moralischer Appell (Meinst Du nicht, dass Du nur vor etwas wegläufst?), Aufzeigen von Alternativen (Tinder).

2. Der Bedenkenträger: 
Erscheinungsbild: Älteres, allwissendes Familienmitglied.
Vermutung: Auswandern als naive Träumerei.
Bewältigungsansätze: Verweis auf das deutsche Gesundheitssystem, Verweis auf das deutsche Arbeitsschutzrecht, Weiterleiten von Schreckensnachrichten (Oil Fracking, Ferguson, Wetterkatastrophen), emotionaler Druck (Du musst wissen, was für Dich am Besten ist., Wenn Du wiederkommst, bin ich schon tot., Wir schicken Dir dann Fotos von der Hochzeit. Du musst nicht extra kommen.)

3. Der Opportunist: 
Typ: Reisefreudiger, sparsamer Bekannter.
Urteil: Auswandern als logische Konsequenz des Greencardgewinns (pro > contra).
Strategie: Schnäppchenjagd (Nimmst Du den Beamer eigentlich auch mit? Der überlebt den Transport doch bestimmt nicht.), Wechselkursoptimierer (Kannst Du mir eigentlich die neue iWatch mitbringen, die gibt es da doch bestimmt günstiger?), Mietnomade (Bist Du im Juli eigentlich in San Francisco? Es gibt bei Airberlin gerade günstige Tickets.)

Mittlerweile kenne ich meine Pappenheimer so gut, dass ich weiß, bis zu welchem Grad ich ihre Ratschläge ernst nehmen muss und wann ich schmunzeln darf. Natürlich verfluche ich die neunstündige Zeitverschiebung zwischen der amerikanischen Westküste und Mitteleuropa. Ich stelle mir deshalb brav jeden Sonntag den Wecker, um meine Oma, meine Eltern und meine internationalen paar Freunde vorm Tatort zu sprechen. Als vollblütiger Morgenmuffel konzentriere ich mich meist eher aufs Zuhören und verweise dann schnell auf den Auswandererblog.

Advertisements