Corona im Silicon Valley Arbeitsalltag: Bananeneis und extra Urlaub steigern die Produktivität

Als ich im Herbst auf Jobsuche war, erweiterte ich den Radius meiner potentiellen Arbeitgeber erstmals aufs gesamte Silicon Valley, da die spannenderen Jobanzeigen sich leider nicht fußläufig in San Francisco befinden, sondern übers gesamte Valley verteilen, wo auch die Techgiganten Apple, Facebook und Google ihren Hauptsitz haben. Nach einem intensiven Bewerbungsprozess fing ich im Dezember bei Course Hero an, einer Plattform für Mitschriften von Studenten für Studenten, mit Sitz in Redwood City – laut Google Maps 40 Minuten Fahrzeit von unserer Wohnung, die sich im nördlichsten Zipfel der Stadt mit Blick auf Alcatraz befindet. 

Noch vor Arbeitsantritt kaufte ich mir einen Gebrauchtwagen via Shift, einem Startup, das durch Inspektion die Risiken beim Autokauf limitiert. Ich entschied mich für einen fast brandneuen Nissan Rogue Hybrid – ökonomisch und ökologisch sinnvoll und bestens als zukünftige Familenkutsche geeignet. Schon am ersten Arbeitstag merkte ich, dass die geschätze Fahrzeit sich im Berufsverkehr verdoppelte. Ich bin nun mal nicht die einzige, die aus der Stadt im Schritttempo morgens ins Silicon Valley fährt – und abends wieder zurück. Da ich meinen Arbeitstag nicht schon um sieben Uhr morgens beginnen und erst um acht Uhr abends enden will, nutze ich die Fahrzeit zur Stoßzeit, um auf dem Hinweg wieder mehr Kontakt mit Freunden in Deutschland zu pflegen und auf dem Rückweg Podcasts zu hören. Außerdem begrüße ich, dass mein neuer Arbeitgeber Wort hält und allen Mitarbeitern zwei Tage pro Woche ermöglicht, aus dem Home Office zu arbeiten und ich mir die Tage sogar selbst aussuchen kann. Dies war nicht nur ein Köder, um das Jobangebot anzunehmen, meine Kollegen und die Führungsriege, die teilweise noch viel weiter entfernt von unserem Büro wohnen, leben diese Flexibilität wirklich aus. Das dezentrale Arbeiten funktioniert reibungslos, da die meisten Meetings per Videocall via Zoom stattfinden. Statt per E-Mail kommunizieren wir miteinander per Chatplattform Slack, manchmal sogar, wenn wir im Büro direkt nebeneinander sitzen, um den anderen nicht aus den Gedanken zu reißen. 

Zunächst schien es daher wie “business as usual” als im März die Coronakrise auch hier in Kalifornien ein dramatisches Ausmaß annahm und die Techfirmen allen Mitarbeitern auf unbestimmte Zeit das Home Office verordneten. In der ersten Woche platzte mein Kalender vor Meetings, die nahtlos aneinandergereiht waren. Dies ging nicht nur mir so und deshalb führten wir ein, dass Meetings im Kalender automatisch früher enden und zur Mittagspause keine angesetzt werden dürfen. Morgens kann ich nun etwas länger schlafen, da ich mir die nervige Fahrzeit ins Büro spare und abends habe ich wieder mehr Zeit zu kochen, fernzusehen und mit meinem Freund den Tag Revue passieren zu lassen. Während um uns herum Menschenmassen in die Arbeitslosigkeit schlittern, geht für die meisten Techfirmen und ihre Angestellten der Arbeitsalltag weiter. Hier und da wird die Krise genutzt, um die Organisation zu entschlanken und vor allem Mitarbeiter, die im Recruiting oder Sales arbeiten, zu entlassen. Die Finanzchefs fordern Teile des Budgets zurück und im Silicon Valley beweist man wieder einmal, aus weniger mehr zu machen. Auch ich musste ein Drittel meines Jahresbudgets zurückgeben und vorerst eine Stelle weniger ausschreiben, aber habe trotzdem das Gefühl mit einem blauen Auge davon zu kommen. Als die Universitäten ihre Campusse schlossen, wechselte mein Team, das sich um lokales Marketing an Unis kümmert, von physischen auf virtuelle Events und steigerte die Produktivität enorm. Unsere jährliche Konferenz für Professoren – der Education Summit – fand nun auch virtuell statt. Meine Kollegen nutzten dies als Chance, um mit einem kleinerem Budget deutlich mehr Teilnehmer zu erreichen. Mit dem Silicon-Valley-Mindset und etwas Kreativität, entstehen fast täglich neue Möglichkeiten. 

In unserem zweiwöchentlichen Teammeeting, das unser CEO nun von seinem Wohnzimmer aus ausrichtet, wird regelmäßig daran erinnert, dass wir psychische Belastungen durch die Coronakrise ernst nehmen und früh das Gespräch miteinader suchen sollen. Seit Beginn der Heimarbeit gibt’s ein bis zwei zusätliche freie Tage pro Monat zur Erholung. Fast ein Drittel meiner Kollegen sind junge Eltern, die neben ihrer Arbeit von Zuhause nun auch die Kinderbetreuung übernehmen müssen, da die meisten Tagesmütter, Kitas und Schulen geschlossen haben, bis die Krise im Griff ist. Einige Kollegen setzen ihre Kinder für mehrere Stunden vors iPad und berichten im Elternchat, dass sie sich schuldig fühlen. Deshalb bietet unser Hausmeister, der nun weniger zu tun hat, an, mehrmals die Woche den Kindern meiner Kollegen per Videocall Geschichten vorzulesen oder ihnen in digitalen Kochkursen beizubringen, wie man Bananeneis und andere Leckereien selbst zubereitet. 

Aber auch die Erwachsenen kommen nicht zu kurz. Die verspielte Arbeitskultur des Silicon Valleys wird auch ins Home Office übertragen. Einmal im Monat kommt eine Box mit gesunden Snacks ins Haus geflattert und dienstags organisieren wir ein gemeinsames virtuelles Mittagessen, für das wir auf Firmenkosten Essen bestellen und strikt nicht über die Arbeit sprechen. Im letzten Marketingmeeting überraschten meine Kollegen mich mit einer virtuellen Babyshower, in der wir alberne Babyratespiele spielten und ich mit mehreren Kinderbüchern und einem Essensgutschein beschenkt wurde. Auch unser Marketingchef nahm sich die ganze Stunde dafür Zeit.  

Vor Kurzem verkündeten einige Techfirmen wie Twitter und Square, dass ihre Mitarbeiter dauerhaft von Zuhause aus Arbeiten dürfen und somit nicht mehr ans Silicon Valley mit horrenden Mietpreisen gebunden sind. Als Google das Home Office bis mindestens Mitte 2021 empfahl, schloss sich mein Arbeitgeber direkt an. Aber auch die traditionellen Berufe werden endlich von der Digitalisierung eingeholt. Mein Freund, der als selbstständiger Anwalt arbeitet, nimmt an Anhörungen und Mediationen nun per Videokonferenz teil und ist begeistert wie sehr es ihm die Arbeit erleichtert. 

Im Gegensatz dazu ist man in Deutschland nach ein paar Wochen Kurzarbeit und Zwangsurlaub größtenteils wieder zum alten Trott ins Büro zurückgekehrt. Wenn ich mit meiner Familie und Freunden in Berlin telefoniere, höre ich Erleichterung in ihrer Stimme. Obwohl ich mich freue, dass Deutschland die Coronakrise so gut in den Griff bekommen hat, habe ich mir insgeheim gewünscht, dass die digitale Transformation, die in vielen Industrien und vor allem im deutschen Mittelstand immer noch in den Kinderschuhen steckt, einen gewaltigen Anschub bekäme, aber daraus wurde diesmal wieder nichts. Und so werde ich weiterhin für Euch aus dem Silicon Valley berichten.

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