2. Wie man einen Masterplan in die Realität umsetzt

Masterplan

Auswandern ist wie Urlaub machen, nur länger. Für mich stand fest, dass ich meine Greencard schnellstmöglich nutzen und noch 2014 in die USA auswandern würde. Da sich unser Hauptsitz in Kalifornien befindet und ich vor ein paar Jahren dort bereits gewohnt und meine Masterarbeit geschrieben habe, ging ich zunächst davon aus, zurück nach San Francisco zu gehen. Um einige laufende Projekte zu beenden und eine ordentliche Übergabe an einen geeigneten Nachfolger zu machen, einigte ich mich mit meinem europäischen Manager auf einen Stichtag im Oktober.

Nur wenige Stunden nachdem wir diesen Plan gefasst und abgesegnet hatten, wurde er bereits über den Haufen geworfen. Ich saß gerade im Taxi vom Flughafen zum WM Public Viewing als mich mein amerikanischer Chef anrief und fragte, wie schnell ich denn in New York sein könnte. Ich war sprachlos. Er wiederholte seine Frage und erkundigte sich nach meiner Gesundheit und privaten Verpflichtungen, die dem Einsatz im Weg stehen könnten. Ich sagte sofort zu.

Den Europachef begeisterte diese Aktion natürlich weniger, also versprach ich, im August wieder zu kommen und mich um meine Projekte bis Ende des Jahres in Berlin zu kümmern. Neues Auswanderungsdatum: 1.1.2015!

Nach meiner Rückkehr schmiedete ich meinen Masterplan. Als notorische Projektmanagerin behalte ich gern den Überblick und hake To Do Listen ab – genauso managte ich auch meine Auswanderung.

New York hatte es mir angetan und so schrieb ich den Big Apple als großes Ziel in die Mitte einer DIN A5 Seite. Drumherum entfalteten sich viele Aufgaben, die überwiegend nur in einer bestimmten Reihenfolge erledigt werden konnten: Beispielsweise musste ich erst eine neue Stelle in den USA finden, bevor ich meinen Vertrag verhandeln konnte, oder mich zuerst beim Bezirksamt abmelden (max. 2 Wochen vor der Ausreise) bevor ich aus der Krankenkasse austreten konnte, etc.

Wichtig war mir aber auch mein Privatleben in Berlin, meine Freunde und Familie noch möglichst häufig zu sehen, meinen Resturlaub zu nehmen und eine gebührende Abschiedsparty zu feiern.

Als größere Baustelle stellte sich auch eine OP am linken Ohr heraus: Im Sommer 2013 wurde Otosklerose – die Verknöcherung der Gehörknöchelchen – bei mir diagnostiziert und ich wollte mich lieber noch in Deutschland unters Messer legen. Bei der Voruntersuchung teilte mir meine HNO-Ärztin mit, dass dies bedeute, sechs Monate nach der OP nicht fliegen zu können. Dies war weder mit meinem aktuellen Job noch mit dem Flug über den großen Teich vereinbar. Aufgewühlt ging ich zurück ins Büro und berichtete meinen Kollegen davon. Nach dem Meeting schickte mir mein äußerst aufmerksamer Praktikant einen Link zu Frachtschiffreisen und ich fasste den Entschluss, die OP doch wie geplant in Berlin machen zu lassen und dann über Neujahr zehn Tage mit dem Frachter und hoffentlich ein paar abenteuerlustigen Freunden anzutreten. Als mir die Chirurgin im Krankenhaus später mitteilte, dass ich nur sechs Wochen nicht fliegen dürfte, war ich etwas enttäuscht, da ich mir bereits eine abenteuerliche Überfahrt ausgemalt hatte.

Allzu ernst sollte man seinen Masterplan nicht nehmen. Ständig ändern sich Dinge – beispielsweise bin ich kurzerhand doch nach San Francisco statt nach New York gezogen, da mir dort eine unbefristete Stelle angeboten wurde. Dabei hatte ich schon ein Fahrrad in Brooklyn in Aussicht… Außerdem habe ich es nicht geschafft, alle Verträge rechtzeitig zu kündigen und war auf die Kulanz der Anbieter angewiesen oder musste im Worst Case einige Versicherungen noch ein paar Wochen weiterzahlen.

Was man bedenken sollte:

  • Business (Nachfolger, Übergabe, neue Visitenkarten)
  • Gesundheit (Kontrolluntersuchungen, Abmeldung Krankenversicherung, Auslandsversicherung, amerikanische Krankenversicherung)
  • Privat (Abschiedsfeier, Kurztrips, Besuch von Friends & Family, Feiertage)
  • Steuern (Doppelbesteuerung, Steuererklärungen 2014/2015, internationale Steuerberatung, 401k)
  • Wohnung (Kündigung, Nachmietersuche, Möbel inserieren, Umzug organisieren, Abmeldung Strom, Kündigung GEZ, Kündigung Telko)
  • Versicherungen pausieren/kündigen (Berufsunfähigkeit, Betriebliche Altersvorsorge, Haftpflicht, Lebensversicherung, Unfallversicherung)
  • Verwaltung (Abmeldebescheinigung Bezirksamt, Erfüllung Greencardauflagen, Social Security Number, amerikanisches Konto und Kreditkarte, Adressänderung und Nachsendeauftrag)
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